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50 Jahre dem Tod so nah

Autorenbild: Petra Eichenberger
Petra Eichenberger
6. Okt.
4 Min. Lesezeit

Ich sprach mit dem Sterbebegleiter Urs Gfeller über das Leben und was er in den letzten 50 Jahren über den Tod und die Menschen gelernt hat. Entstanden ist ein Podcast in der Serie "HALLO JENSEITS SPECIAL."


Petra Eichenberger, links mit Urs Gfeller, rechts im Berner Wald


Was verändert sich in einem Menschen, der ein halbes Jahrhundert lang Sterbende begleitet und selbst erfahren musste, wie nahe Leben und Tod beieinanderliegen können?

Diese Frage ist mir nach meinem Gespräch mit Urs Gfeller geblieben.

Urs eigener Weg begann früh. Als junger Mann erkrankte er schwer an der Bauchspeicheldrüse und war selbst dem Tod nahe. Bereits damals begann er, andere Menschen zu begleiten.

Und schon in jungen Jahren wurde ihm etwas mitgegeben, das ihn bis heute prägt. In einer Krise nicht nur zu fragen:

«Warum geschieht mir das?»

Sondern auch: «Wozu?»

  • Was kann daraus entstehen?

  • Was darf sich verändern?

  • Und was kann selbst aus einer schwierigen Erfahrung wachsen?

Aus diesen ersten Erfahrungen wurden rund 50 Jahre an der Seite sterbender Menschen. Fünf Jahrzehnte voller Begegnungen, Abschiede, Gespräche und tiefer Einsichten darüber, was im Leben wirklich wesentlich sein kann.


Begleiten, ohne zu missionieren

Etwas betont Urs in unserem Gespräch immer wieder: Er hat keinen Missionsauftrag.

Er möchte niemandem sagen, was er über den Tod glauben soll. Er vermittelt kein fertiges Weltbild und versucht nicht, Menschen von etwas zu überzeugen.

Wenn Sterbende Fragen haben, teilt er seine Erfahrungen. Er erzählt von dem, was er in all den Jahrzehnten erlebt hat, und lässt gleichzeitig Raum dafür, dass jeder Mensch seinen eigenen Zugang zum Sterben, zum Tod und vielleicht auch zu dem findet, was danach kommt.

Diese Haltung empfinde ich als sehr wertvoll.

Denn gerade am Lebensende geht es vielleicht weniger darum, Antworten vorzugeben, sondern vielmehr darum, einen Raum zu schaffen, in dem ein Mensch seinen eigenen Fragen begegnen darf.


Die Geschichte einer Welle

Eine Geschichte von Urs hat mich besonders berührt.

Er begleitete einen Mann, der an Parkinson erkrankt war und unter sehr belastenden Bildern litt. Beruflich hatte dieser Mann als Ingenieur auf Überseeschiffen gearbeitet.

Das Meer war ein wichtiger Teil seines Lebens.

Der Mann hatte sich entschieden, mit EXIT aus dem Leben zu gehen. Ein Termin war bereits vereinbart.

In ihrer gemeinsamen Zeit sprach Urs mit ihm über das Bild einer Welle.

Eine Welle entsteht aus dem Meer. Für einen Moment wird sie sichtbar, bewegt sich, verändert ihre Form und kehrt irgendwann wieder dorthin zurück, woher sie gekommen ist.

Dieses Bild berührte etwas in dem Mann.

Plötzlich entstand ein neuer Wunsch:

Er wollte noch einmal ans Meer.

Er wollte die Wellen sehen, sie hören und erleben.

Und noch etwas begann sich zu verändern. Er wollte über seine eigenen Erfahrungen schreiben.

Etwas war wieder in Bewegung gekommen.

Etwas wollte noch gelebt werden.

Erst ungefähr ein Jahr später entschied sich der Mann schliesslich, mit EXIT zu gehen.


Diese Geschichte zeigt für mich sehr schön, was Begleitung bedeuten kann: Nicht überzeugen. Nicht festhalten. Nicht missionieren. Sondern Raum schaffen für das, was sich in einem Menschen noch verändern und wandeln darf. Ein weiterer Satz von Urs ist mir besonders geblieben:

«Gebt dem Leben die Möglichkeit, dass es euch berührt.»

Wenn wir als Babys auf die Welt kommen, werden wir gehalten, gestreichelt, liebkost und berührt.

Im Laufe unseres Lebens wird diese körperliche Berührung oft weniger. Gerade ältere Menschen erleben manchmal nur noch wenig Nähe.

Doch für Urs bedeutet Berührtsein noch viel mehr als körperliche Nähe.

Er bezeichnet es als eine Art Nahrung für die Seele.

Berührt werden können wir durch einen Menschen, durch ein Gespräch, durch die Natur, durch Musik, durch eine Begegnung oder durch einen Moment, in dem wir plötzlich ganz gegenwärtig sind.

Und am Ende unseres Lebens spricht Urs von einer letzten, ganz besonderen Berührung. Dann, wenn das Leben beginnt, sich aus unserem Körper zurückzuziehen.

Dieser Gedanke ist mir sehr nahegegangen.

Vielleicht geht es im Leben tatsächlich nicht nur darum, was wir erreichen, besitzen oder leisten.

Vielleicht geht es auch darum, ob wir uns berühren lassen.

Wenn Sterbebegleitung plötzlich persönlich wird

Urs kennt Sterben und Trauer jedoch nicht nur aus seiner beruflichen Begleitung.

Er hat seinen eigenen Sohn durch Suizid verloren.

Auch darüber spricht er in unserem Gespräch sehr offen und persönlich.

Nach dem Tod seines Sohnes kam Urs für einen Jenseitskontakt zu mir. Im Podcast erzählt er, wie er diese Sitzung erlebt hat und was ihn dabei besonders berührt hat.

Für mich war es sehr eindrücklich, diesen Teil seiner Geschichte mit ihm nochmals gemeinsam anzuschauen.

Vielleicht ist es gerade diese Verbindung aus persönlicher Erfahrung und rund 50 Jahren Sterbebegleitung, die seinen Worten eine besondere Tiefe gibt.

Urs spricht nicht aus Lehrbüchern.

Er spricht aus seinem Leben.

Ein Gespräch über den Tod und eigentlich über das Leben

Obwohl wir in unserem Gespräch viel über Sterben und Tod gesprochen haben, hatte ich immer wieder das Gefühl, dass es eigentlich um etwas anderes geht: um das Leben.

Darum, was uns berührt.

Was uns prägt.

Wie wir mit Krisen umgehen.

Wie wir Verluste tragen.

Was wir loslassen müssen.

Und darum, was sich selbst in schwierigen Lebensphasen noch verändern und wandeln darf.

Wir haben auch über die Seele gesprochen, über Licht und Finsternis und darüber, was am Ende vielleicht wirklich wesentlich wird.

Aus diesem gemeinsamen Austausch ist unser «Hallo Jenseits Special» mit Urs Gfeller und mir entstanden.

Wir haben uns für dieses Gespräch nicht in ein Studio gesetzt, sondern sind gemeinsam durch den Wald gegangen.

Dadurch ist ein sehr persönliches, ruhiges und offenes Gespräch entstanden.

Urs erzählt von seinen Erfahrungen mit Menschen am Lebensende, von seinem eigenen Leben, von seinem Verlust und von Gedanken, die ihn über Jahrzehnte begleitet haben.


Mich hat besonders seine ruhige Art berührt, über Themen zu sprechen, vor denen viele Menschen Angst haben.

Und vielleicht nehmen wir aus diesem Gespräch nicht nur Gedanken über das Sterben mit. Vielleicht nehmen wir vor allem eine Frage für unser eigenes Leben mit:

Geben wir dem Leben genügend Möglichkeiten, uns wirklich zu berühren?

🎙️ Hier könnt ihr euch den vollständigen Podcast «Hallo Jenseits Special» mit Urs Gfeller und mir anhören: https://youtu.be/gaeZO691oxA?si=ZJTXfVNVvciFFcPX


Wenn ihr mehr über Urs Gfeller, seine Arbeit und seine Begleitung erfahren möchtet: Zeit & Ewigkeit, Urs Gfeller https://www.zeit-ewigkeit.ch/

 
 
 

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